Raumplanung – eine architektonische Herausforderung

Die einen denken an die Kleinigkeiten – daran, wie ein Zimmer beschaffen sein muss, damit es „passt“. Die anderen denken an die großen Dinge – daran, wie eine Stadt beschaffen sein muss, damit sie „funktioniert“. Rüdiger Lainer ist seit fast 30 Jahren als Architekt, Generalplaner und Städteplaner tätig. Er denkt über- all das nach, vom einzelnen Raum bis zur ganzen Stadt.

Neudoerfler: Herr Lainer, derzeit erregt eine neue Generation von Bürobauten Aufmerksamkeit. Eine junge, kreative Industrie verlangt nach neuen Raumlösungen. Wie schaut das architektonisch aus, was genau wollen die „jungen Wilden“ und wie kann man moderne Büroarbeit mit Architektur unterstützen?

 

Rüdiger Lainer: Ich glaube, man kann die Arbeit am besten unterstützen, wenn man zwei Prinzipien beachtet. Das eine ist die Neutralität, dass also eine Fülle von Nutzungsmöglichkeiten gegeben ist. Das andere ist eine gewisse Spezifität, sprich, dass die Leute, die dort arbeiten, sich mit ihrer Arbeitsumgebung identifizieren können; mehr noch, dass sie ein gewisses Selbstbewusstsein auch aus ihrer Arbeitsumgebung beziehen. 

 

ND: Wie sieht diese Neutralität konkret aus?

 

RL: Im Detail geht es bei der Neutralität darum, in den Räumlichkeiten die verschiedensten Büroformen – Formen von deren Existenz oder Notwendigkeit die meisten Firmen selber noch nichts wissen – zu ermöglichen. Ich muss also eine Struktur schaffen, die sowohl ein Zellenbüro erlaubt, als auch ein Kombi-Büro, ein Team-Büro, einen Open Space oder auch kleine Einheiten.

 

Wir haben schon vor Jahren versucht, kleine Einheiten zu entwickeln, die irgendwie auch in größeren Räumen stehen und die sozusagen die Verbindung von kleiner Individualzelle zum kommunikativen Element darstellen. Mein Lieblingsbild ist diesbezüglich „Der heilige Hieronymus“. Der sitzt inmitten eines großen Raumes in so einer kleinen – fast – Schachtel. Dort hat er alles, was er zum Arbeiten braucht. Für mich ist das die Renaissance-Version dessen, was ein Büro-Arbeitsplatz in dem Sinne können sollte: Größtmögliche Individualität bei größtmöglicher Kommunikationsfähigkeit. 

Menschen mit Wissen

Rüdiger Lainer

Rüdiger Lainer ist seit fast 30 Jahren als Architekt, Generalplaner und Städteplaner tätig seit 2005 in Partnerschaft mit Oliver Sterl.

Rüdiger Lainer + Partner arbeiten an Projekten verschiedenster Größenordnung und Thematik. Die Palette reicht dabei von der Erneuerung eines Stadthauses, über Wohnhausanlagen, bis zum konzeptionellen, städtebaulichen Projekt für das Flugfeld Aspern. Rüdiger Lainer war bei zahlreichen wichtigen Ausstellungen vertreten und hat mehrere Preise erhalten, darunter den Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs (1991, 1995, 2001 und 2006), den Best architects award 2010 in Gold, sowie zuletzt den 20+10+X World Architecture Community Award.

 

www.lainer.at

 

ND: Ist das nicht eher eine Frage der Inneneinrichtung, als der Architektur?

 

RL: Damit die unterschiedlichen Nutzungsformen wie Open Space, geteilter Space, Shared Space, wie auch immer, möglich sind, brauche ich eine relativ neutrale Gebäudestruktur, die nicht zu tief ist, damit sie nicht dunkel ist, aber doch tief genug, damit sie verschiedene Nutzungen erlaubt. Andererseits ist auch wichtig, dass die Gebäudestruktur durch die Art, wie sie die Erschließung ermöglicht, durch die Art der Freiräume, der Öffnungen, nicht einfach nur ein neutrales Behältnis ist, sondern ein Behältnis, das wieder einen gewissen Reichtum an Erlebnisfähigkeit bietet.

 

ND: Jetzt haben Sie ja nicht nur junge, wilde Auftraggeber. Ist das Gros Ihrer Kunden offen für Neues oder müssen Sie gelegentlich Überzeugungsarbeit leisten, damit neue Wege beschritten werden können?


RL: Was neue Wege betrifft, so kann man kann eher bei Erschließungsflächen und Kommunikationsflächen ansetzen. Das heißt, es geht nicht um den einzelnen Büroraum, sondern darum, viele informelle Treffpunkte oder auch eine Fülle an Sichtbeziehungen zu schaffen, damit die informelle Kommunikation intensiviert wird. Man lotet die Möglichkeiten aus, kleine, externe Sitzplätze, Rückzugszonen, Kommunikationszonen zu schaffen. Das sind die Dinge, die man eher versucht, um mit dieser Sekundärfläche den Raum zu intensivieren. 

 

ND: Das nehmen die Auftraggeber leichter an?

 

RL: Da zeigt die Erfahrung, dass die Leute meistens sagen: Super, das ist eigentlich gut für uns. Wesentlich dabei ist, dass wir sagen können: Diese Innenraumteilung kann in 10 Jahren vollkommen anders sein. Etwa, weil sich die Firmenstruktur geändert hat. Es ist entscheidend, dass ich mit geringen Mitteln, mit geringem Aufwand einen Shared Space in ein Zellenbüro verwandeln kann und umgekehrt. Das gilt auch für die Einrichtung, sprich die Elemente im Raum sollten mehrfach und vielseitig verwendbar sein.

 

ND: Andererseits üben offenbar gerade historische Gebäude aus der Gründerzeit eine große Faszination aus. Auch Ihr Büro ist in einem Gründerzeitgebäude. Kann diese Architektur den modernen Anforderungen überhaupt noch gerecht werden?

 

RL: In den Gründerzeitgebäuden haben die einzelnen Blöcke eine ganz klare, neutrale Struktur, aber sie schaffen eine Vielfalt an unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten. Da habe ich eine tragende Außenwand, eine tragende Innenwand und dazwischen kann ich, wie man es auch hier sieht, alle Zwischenwände rausnehmen, kann einen großen Raum machen, kann einen Kindergarten hinein bauen, oder Wohnungen, kleinere, größere; kann ein Architektur-Büro einbauen.

 

Dabei ist wesentlich, dass die Strukturen neutral sind, eben damit sie verschiedene Nutzungen aufnehmen können und damit langlebige Möglichkeiten für die Zukunft bieten. Demgegenüber müssen sie spezifisch genug sein, damit sie eine gewisse Identifikations- und Orientierungsmöglichkeit bieten. Ob bei einem Altbau oder bei einem Neubau, beide Bereiche müssen zusammen passen: Neutralität und Spezifität.

 

ND: Wie gehen Sie architektonisch an die Themen Schall und Licht heran?

 

RL: Schall ist ein ganz wesentlicher Faktor. Da ist Holz sehr wichtig für uns. Im Bürobau ist eine Möglichkeit, mit Holzdecken oder Holzwänden zu arbeiten, die dann fein perforiert und dadurch Schall schluckend sind. Eine andere Möglichkeit ist mit Elementen zu arbeiten, die Schall schlucken. Bei der Möbelauswahl, im Besonderen bei Kombi-Büro Zwischenzonen, versuche ich, weichere Materialien, Stoffe zu nehmen, die für sich wiederum Schall schlucken. Da braucht man dann auch nicht immer überall eine Akustik-Decke, sondern je nach Bereich kann ich mit Ziegeln oder mit Einzelelementen die verschiedenen Räume auf ihre akustischen Notwendigkeiten hin adaptieren. 

 

ND: Und beim Licht?

 

RL: Einerseits soll möglichst viel Licht in den Raum hinein kommen. Auf der anderen Seite geht es natürlich auch darum, die ganzen Probleme mit Blendung und Überhitzung zu reduzieren. Da gibt es verschiedene Ansätze. Jetzt machen wir gerade ein Projekt mit einem fixen Sonnenschutz, integriert in den Fensterrahmen. Damit kann man die Sonneneinstrahlung um bis zu 70% reduzieren, ohne immer irgendwelche Jalousien oder Rollos runterlassen zu müssen.

 

Mir persönlich sind große Öffnungen nach außen am Liebsten. Die ermöglichen mir viel Ausblick, trotzdem bin ich gleichzeitig so geschützt, dass ich nicht dauernd Sonneneinstrahlung habe und damit gezwungen bin, mich irgendwie abzuschirmen. Also muss ich mir im Vorfeld die Frage stellen: Wie kann ich größtmögliche Offenheit bei größtmöglichem Schutz für den Raum entwickeln. 

 

ND: Zum Schluss, was ist Ihre fachliche Meinung zum berühmten Torberg Tante Jolesch-Zitat: „Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders“?

 

RL(schmunzelt): Da widerspreche ich entschieden. Wobei das natürlich ein spannender Ansatz ist. Die Frage ist nämlich: Wie nehme ich eine Stadt wahr, um sie unterschiedlich zu machen? Der Unterschied liegt in der Wahrnehmung. Insofern ist das meiner Meinung nach ein wenig Zynismus von Torberg über unreflektierte Wahrnehmung. Das viele Leute überall durch die Städte gehen, aber nichts sehen. Ich glaube, er hat nicht sagen wollen, dass alle Städte gleich sind, eher dass die Leute nicht offen genug sind, um Unter-schiede wahrzunehmen.

 

ND: Herr Lainer, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.


Mehr zum Thema: Open Space

Geplantes Miteinander

Philipp Rode und Helge Schier über Menschen in Landschaften und die Gestaltung des sozialen Raumes. Die architektonischen Erfordernisse für Gebäudekomplexe, Büroetagen oder Parks sind einander recht ähnlich. Es muss gut ausschauen und besser funktionieren.

Mehr Service: Open Space

Die unzähligen Funktionen des Raumes

Gute Raumgestaltung ist unabdingbar für die Produktivität der Beschäftigten und hat – nicht nur deswegen – auch entscheidenden Einfluss auf die Qualität der geleisteten Arbeit. Wir helfen Ihnen zur perfekten Raumplanung.

Mehr zum Thema: Akustik

Alle mal herhören!

Akustikexperte Peter Androsch über den Menschen als Ohrenwesen, hör- und unhörbare akustische Einflüsse am Arbeitsplatz und wie man diesen am besten einrichtet, um ein akustischen Stress auf ein Minimum zu reduzieren.