Nach 500 Kilometer frisch und munter
Die Abteilung Ergonomie und Komfort bei BMW ist mit der anderen Form von Ergonomie befasst. „Unser Revier ist die Produktergonomie. Das Produkt muss ergonomisch so durchdacht sein, dass der Kunde damit möglichst sorgenfrei leben kann. Für mich heißt das: Nach 500 Kilometer Fahrt in einem 5er BMW sollte ich nicht gezwungen sein mich erst eine halbe Stunde auf eine Parkbank setzen, um mich zu erholen. Ich kann direkt zum nächsten Geschäftstermin, da ich ausgeruht bin. Das funktioniert, weil ich dem Menschen, in diesem Fall dem Fahrer, nicht nur Raum zur Verfügung stelle, sondern mir überlegen muss, wie ich ihn während der Fahrt vitalisieren kann. Beispielsweise mit einer Massagesitzfunktion.“
Die ergonomische Gesellschaft
Massagesitze stehen aber ganz sicher nicht am Anfang der Überlegungen zu einem neuen Produkt. Bei BMW beginnt die Planung zu einem neuen Modell mittels zweier verschiedener Aspekte der Gesellschaftsforschung. Der eine Aspekt ist die Anthropometrie. Wenn ein Modell, egal ob Tisch, Schuh oder Auto, für 95% aller Kunden passen soll, dann muss man natürlich erst einmal deren Körpermaße kennen. Dazu braucht es aktuelle Daten.
Der zweite Aspekt ist eher soziologischer Natur: „Der durchschnittliche BMW Erstkäufer ist 54 Jahre alt. Vor 10 Jahren hat ein 54 jähriger es noch geschafft, ohne Nutzung eines Computers durchs Leben zu kommen. Ein heute 54 jähriger hat mit Sicherheit Computererfahrung. Das nur als Beispiel dafür, wie sich die Vorraussetzungen permanent ändern. Ich muss also wissen, welchen Erfahrungshintergrund der Kunde mitbringt, um zu wissen, was noch okay ist und womit ich ihn überfordere.“
Ein Modell und seine 1000 Werte
Auf Basis der anthroprometrischen und soziologischen Erkenntnisse erhält der Bereich Ergonomie, egal ob für einen neuen BMW, Mini oder Rolls Royce, dann erst einmal rund zehn Werte. Das ist etwa so, als ob man bei der Planung eines Büros sagte: Da sollen einmal 25 Mitarbeiter hinein, es braucht einen repräsentativen Empfang und einen Sicherheitsbereich.
„Aus diesen paar Werten können wir natürlich kein ganzes Fahrzeug aufbauen. Aber Dinge wie Kopffreiheit und Sitzposition lassen sich da schon festlegen. Zu den objektiven Werten kommen noch Charakterwerte. Da sprechen wir noch nicht über Design, nur über Proportionen. Ich muss anhand der Proportionen sehen können: das ist ein BMW. Im Interieur geht es zunächst um die Erreichbarkeit von Primärelementen, wie Lenkrad und Schalthebel. Primäre Bedienelemente müssen so angeordnet sein, dass ich entspannt sitzen und ohne Schulterverlagerung alles sicher bedienen kann. Erst nach Bestätigung der funktionalen und der äußeren Proportionen beginnen die Designer mit der Arbeit.“
Es gilt also das Primat der Ergonomie. Die Designer können „nur“ noch umbauen, was ihnen die Ergonomen vorlegen. Übrigens: Ganz zum Schluss hat so ein Modell dann mehr als 1.000 Werte.