Der Mensch ist ein Ohrenwesen. Was man alles hört und was das für Auswirkungen auf Geist und Körper hat, damit beschäftigt sich Akustikexperte Peter Androsch. Ein Gespräch über die Notwendigkeit von Reflexionen in Räumen und warum leise manchmal schlimmer ist als laut.
Peter Androsch umweht stets eine Aura leichter Gequältheit. Nicht, dass seine Freundlichkeit, gar seine Höflichkeit darunter leiden würde. Auch Anzeichen von Nervosität sind nicht festzustellen. Aber es macht ihm schon ein wenig zu schaffen, dieses Leben in der Lärmwelt. Um es gleich vorneweg zu sagen: Selbst Schuld! Schließlich hat er sich sein Leiden mühsam erarbeitet.
Seit Jahren beschäftigt sich Peter Androsch intensiv mit Akustik, genauer gesagt mit Ursache und Wirkung akustischer Gegebenheiten auf den Menschen. Als Zivilisationsmensch des 21. Jahrhunderts ist man häufig so genannter akustischer Umweltverschmutzung ausgesetzt. Das ohrenbetäubende Nageln von Presslufthämmern bei Straßenbauarbeiten ist dabei nicht das große Problem. Presslufthämmer sind extreme Ausnahmen.
Das Gegenteil von Ausnahmen ist der Alltag und dort, im täglichen Leben lauern, Peter Androschs Befund zufolge, zunehmend akustische Gefahren. Es sind Gefahren, gebaut aus gedankenloser Architektur und ausgestattet mit falschen Materialien, denn "Akustik ist eine Funktion des Raumes. Die Innengestaltung des Raumes definiert die akustischen Verhältnisse", so Androsch. Diese Erkenntnis kam ihm im Zuge einer akustischen Installation, die er in seiner anderen Funktion als Komponist gestaltete. Die Erkenntnis veränderte sein Leben. Seit diesem Aha-Moment engagiert er sich in der von ihm gegründeten Initiative "Hörstadt" um in der Öffentlichkeit, aber auch bei Politikern, Architekten, Bauherren und Arbeitgebern ein Bewusstsein für die politische und gesellschaftliche Bedeutung von akustischen Phänomenen zu schaffen. "Problematische Akustik ist kein Randgruppenproblem, denn aktuellen Zahlen zufolge ist mindestens ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung (zumindest leicht) hörbehindert."
Wie alles zu reflektieren begann
Wir sitzen im Gastgarten des "Volkshaus Dornach" in Linz. Drinnen rieselt das gutlaunige Gedüdel eines Radiosenders aus in Rigipsdecken verborgenen Lautsprechern. Gleich hinter der Hecke hält ein Transporter mit laut brummendem Kühlaggregat, aus der Führerkabine klingt Musik eines anderen Senders. Rumms, Tür auf Tür zu. Es ist ein ziemlich indifferentes Klangbild; im Kontext einer Stadt vergleichsweise leise.
Androsch erzählt jetzt davon, wie die Menschen dereinst in die Städte gezogen sind und ihre dörflichen Gewohnheiten mitgebracht haben. Die Nachttöpfe hat man damals auf die Strasse entleert - und sich über die gesundheitlichen Folgen keine Gedanken gemacht. "Man hat halt erst lernen müssen, auf so engem Raum zusammenzuleben. Die Folge des Lernprozesses waren Kanalisation und Hygienebewusstsein. Wir haben eine ähnliche Situation, bei weitem nicht so dramatisch, aber vergleichbar. Heute zwingen uns neue Techniken und Baumaterialien Neues zu lernen."
Der Mensch, das Ohrenwesen
Tatsache ist, dass der Mensch ein Ohrenwesen ist. Das Ohr ist um den Faktor 10 sensibler als das Auge. So kann man zwar feinste Tonhöhenabweichungen problemlos erkennen, nicht aber vergleichbare Farbveränderungen. Das Ohr ist aber auch das Sinnesorgan des Menschen, dem nie eine Pause gegönnt ist. Von der Geburt (und eigentlich schon vorher) bis zum Tod (dann ist aber wirklich Schluss) ist das Gehör permanent auf Empfang.
Einen Großteil dessen, was die Ohren so auffangen, hört man gar nicht bewusst. Das bedeutet aber nun nicht, dass Kopf und Körper davon nichts mitbekommen, ganz im Gegenteil. Jetzt ist Androsch ganz in seinem Element: "Der Körper ist ununterbrochen mit der unglaublichen Leistung der Sinnesintegration beschäftigt. Sie sorgt dafür, dass alle Informationen der Sinne, vom Seh- über Geruchs- und Tastsinn, bis hin zu Gleichgewicht, Orientierung und Hören, zu einem vernünftigen Gesamtbild der Situation zusammen gerechnet werden. Müssen nun auf Dauer widersprüchliche Informationen integriert werden, ist das eine Stressbelastung. Weiterer Stress entsteht, weil das Gehör uns auch vor Gefahren warnen soll. Es reagiert auf Frequenzen, die üblicherweise mit Gefahren verbunden sind. Das sind meistens Frequenzen, die sehr hoch sind oder sehr tief. Genau in diesem Bereich surren die Geräte. Das führt dazu, dass der Körper Stresshormone ausschüttet, weil er glaubt, uns vor einer Gefahr warnen zu müssen. Und da sitzen wir täglich acht Stunden. Das ist arbeitsmedizinisch, durch die Messung des Stresshormons im Urin belegt. Ist man so einer Situation länger ausgesetzt, ist es wahrscheinlich, dass sie sich in Herz-Kreislauf-Erkrankungen manifestiert."